INTERVIEW: bonaparte

Posted on Oktober 30, 2012

2


Live-Shows von Bonaparte erschaffen Magisches: Die vielen Kostüme, die Filme, … man fühlt sich wie von Peter Pan an der Hand genommen und nach Nimmerland entführt. Nur dass dort nichts mehr an die familienfreundliche Idylle eines Disneyfilms erinnert. Wieso sind die Piraten, angeführt von Tobias Jundt, plötzlich die Guten und wieso wurde das Krokodil durch Pferde ausgetauscht? Und seit wann zeigen Wendy und Glöckchen plötzlich so viel Haut? Und was machen die verlorenen Jungs auf einmal für laute Musik? Und das mit dem Fliegen, das hat doch auch eher was mit Drogen als mit Peters magischen Fähigkeiten zu tun…  Das Konzert als Rauschzustand, ein Moment ewiger Jugend und gelebter Eskapismus. Selten hat sich das besser nachvollziehen lassen als bei einem Livekonzert von Bonaparte und irgendwie ist dann auch alles egal, worüber man sich vorher noch im Bezug auf Bonaparte hätte aufregen können. Was als hyperaktive Lo-Fi-Alleinunterhaltershow inklusive Drumcomputer vor Jahren begann, hat mittlerweile Revue-Status erreicht. Ein Variete, ein Theater, ein Nimmerland für schräge Erwachsene, in dem Cro-kodile vielleicht noch vorkommen, aber nur um gedisst zu werden. Vorhang auf, Tobias nimmt uns bei der Hand, ab geht der Flug.

„Sorry we are open!“  In Würzburg kennt man strenge Ladenöffnungszeiten und Sperrstunden. Wann ist bei BONAPARTE Sperrstunde?

So zwischen 5 und 7 Uhr morgens fahren wir den Puls jeweils etwas herunter, so dass es gerade noch zum Pokerspielen reicht, wenn man die Bowle vorher schon angerichtet hat. Ansonsten sind wir im stetigen Wettstreit darüber, wer den Puls im doppelten Tempo von dem Song halten kann, den wir gerade spielen. Aber die Frage stellt sich in der heutigen Welt ja schon: Wann haben wir auf? Wann haben wir zu? Wann schläft Twitter? Und macht Facebook auch mal Urlaub?

Das stimmt definitiv.  Bald kommt ihr wieder zurück nach Würzburg. Was kann man im Vergleich zu eurem letzten Konzert  hier in der Posthalle neues erwarten?

 Es beginnt anders, es hört anders auf, und dazwischen ist es auch nochmals anders. Es werden unsere letzten Shows sein in dieser Region für einige Zeit und da wir ein neues Album Gassi führen, haben wir natürlich wieder einige Visuals gedreht und neue Songs an den Start gebracht. Das ist immer relativ aufwendig die Sounds aus der großen analogen Schaltzentrale des Studios auf die Bühne zu transportieren. natürlich haben wir auch sämtliche Gardinen der Raststätten von Spandau bis Würzburg gestohlen, um daraus neue Kostüme zu schneidern. Es wird dunkel wie im Albtraum deiner Katze und hell wie im post-orgiastischen Zenit des brasilianischen Karnevals, es wird zart wie die Body-lotion des heiligen Grals und derbe wie wenn das uneheliche Kind von Deichkind und Bonaparte mit seinen Gespielinnen zum Rave geht.

Klingt interessant, ganz ohne Hintergedanken habe ich die letzte Frage jedoch nicht gestellt:  Irgendwie erwartet man von euch immer mehr. Wie weit kann man das Ganze noch ausdehnen, das Publikum und sich selbst überraschen?

ich kann mir gut vorstellen, dass diese Tour hier sowas wie ein Zenit in Sachen Feuerwerk darstellen wird und wir danach entweder aufhören oder wieder etwas ganz kleines machen. Man weiß das ja nie so genau. 2013 scheint noch so weit weg. Aber es fühlt sich schon gerade so an, als dass man sich diese Show besser jetzt anschauen kommt als es auf die lange Bank zu schieben. Ich kann aber auch nicht sagen, ob 2007 mit Gitarre und Boom-Box besser war als der große Zirkus – es ist lediglich anders.
Ansonsten muss man einfach versuchen, immer mal wieder andere Dinge zu tun, neue Dinge aus zu probieren. Natürlich kommen da musikalisch viele Ideen zu kurz, aber es gehört auch zu den schöneren Dingen des Älterwerdens, dass man eben weiß, was man hat, wenn man sich auf gewisse Dinge konzentriert. dass man mit einer Band anstatt 23 Projekten oder einem Partner statt 17 Geliebten doch viel mehr in die Tiefe gehen kann.

Und was sagt man dem Singer-Songwriter-Ich, das sich wünschen würde, dass die Songs mehr im Mittelpunkt stehen?

Lustigerweise denken ja viele, die Show würde der Musik den Rang ablaufen, aber die Musik ist die Basis und das Zentrum von allem. Songs haben eine viel stärkere Wirkung als alles andere. Wenn die Show vorbei ist, sind es die Songs, die man auf dem Nachhauseweg vor sich hin trällert. Was die Show uns geben kann, ist diese Gefühl von: es passiert jetzt und hier und es wir nie wieder so toll sein! Bonaparte hat Abend für Abend eine so unglaubliche Energie, man will diese Party feiern, bis die Sittenhüter kommen. Das ist besser als Leim zu schnüffeln.

Passend zum Thema: Als ich letztens den Bundes Vision Song Contest guckte, dachte ich, ich sei auf Leim oder anderen Dingen. Beim Auftritt von DER KÖNIG TANZT sah man dich und Deichkind plötzlich rumhüpfen…

Man muss sich ein bisschen mit uns beschäftigen, um viele dieser Aktionen zu verstehen. Was niemand gemerkt hat: Beim Bundes Vision Song Contest war ich als Deichkind verkleidet und Philipp von Deichkind war als Bonaparte verkleidet und wir haben beide während der Live-Sendung bei dem Beitrag von Fettes-Brot-Boris unseren eigenen Song gesungen. was also für die Zuschauer am Fernseher total bescheuert aussah, sieht wiederum sehr lustig aus, wenn man unseren Song „alles schon gesehen“ vom neuen Album darunter legt. Natürlich wusste niemand von der Aktion, wir haben uns da einfach eingeschlichen. viele der Dinge, die wir tun, versteht man erst im Nachhinein, oder wenn man unseren Humor versteht.

Sicherlich ein Auftritt, der den „Früher war bei Bonaparte alles besser“ Menschen wieder genug Lästerfutter gibt. Die, die glauben, früher sei das Projekt noch eine Gegenbewegung gewesen, heute Teil des Business. „Anti anti“.  Oder “I don`t know where I am going, everybody follow me” auf der neuen Platte, die zudem  wieder über Majorvertrieb läuft. Wie hat sich die Perspektive auf das Musikbusiness in den letzten Jahren für dich verändert?  
Bezüglich dem ganzen Gesülze von wegen Major Label oder Minor Label. Artists wie Cro, die sich „Indie“ auf die Kappe schreiben, nehmen gleichzeitig von einem Major-Verlag riesige Summen an Geld als Vorschuss an. Das ist kein Problem, aber damit dann Hausieren zu gehen man sei „Indie“, ist relativ bescheuert. Was viele Menschen nicht verstehen: die Majors von heute, die zunehmend ihren Druck ausüben auf die Labels, sind Amazon und Itunes, sie halten ihre Monopolstellung. Für uns persönlich hat sich hier nicht viel verändert. Ich schreibe die Musik, der Cheguy mischt, mein Bruder macht die Grafik, Melissa macht die Fotos, wir schneidern mit unseren Freunden die Kostüme und jedes T-Shirt aus dem www.etrapanob.com-Bazar wird von uns von Hand verpackt. Wir sind ein großes Familienunternehmen in der Tradition der Landbauern. unsere Andockstelle zum Musikbusiness ist das 1-Mann-Label Staatsakt, welches wiederum nun für unsere aktuellen Ergüsse Warner als Partner gewählt hat. Dies ermöglicht uns gewisse Dinge, die sonst mit einer Band dieser Größe schlichtweg nicht möglich sind. Die Zeit der big Bands ist seit vielen Jahrzehnten vorbei. Es ist ein versuch, das familiäre und handgemachte der DIY-Welt irgendwo an das große Musikbusiness anzudocken, so gut das geht. Dies ist eine Phase, und was danach kommt, sehen wir, wenn die Zukunft da ist. 

Danke für die ausführliche und ehrliche Antwort! Die neue Platte wird textlich und optisch vom Thema „Seefahrt“ geprägt, der Opener erinnert an alte Piratensongs. Wie kommt man als Schweizer, der in Berlin wohnt, auf dieses Konzept? Was hat ein Zirkus auf einem Boot zu suchen?

Die Dringlichkeit und Hingabe des Zirkuslebens ist in uns drin und der Mond, der Ebbe und Flut erzeugt, ist unsere Leidenschaft, welche uns, kaum sind wir angekommen, wieder losschickt auf neue Abenteuer, neue Reisen, neue Musik. Egal wie digital unsere Möglichkeiten werden, umso analoger bleiben unsere Bedürfnisse und Empfindungen als Menschen. Wir sind auf dieser Reise und wir wissen es, seit wir klein sind. Es ist ein Album, in das man seine eigenen Geschichten, sein eigenes Leben einfüllen muss, und dann wird es zum Soundtrack zur eigenen Reise. Beim ersten Album war es eher ein Attitude, die man sich um die Ohren hauen lassen konnte. Es schließt sich hier nun die „Berlin Trilogy“ und wir setzen die Segel, laden den Hafer und den Schnaps an Bord, und schauen woher der Wind weht. Mehr Feuerwerk? Mehr Rock’n‘roll? Mehr Sub-Bass? Mehr Tiere oder doch zur Sitcom mutieren?

BONAPARTE spielen am 2.11. zusammen mit Tim Fite in der Posthalle.

Advertisements
Verschlagwortet:
Posted in: interviewt